Lesetipp!

Stimmungsschwank-

ungen bei Kindern und Jugendlichen

Ratgeber für Eltern und Erzieher

Schäfer, Ulrike; Bauer, Michael

Weitere Informationen zur Bipolaren Störung finden Sie im

Bipolar Webring

 

Britney Spears - Erfolg und menschliches Drama

Sie hat den größten Erfolg erreicht - und erlebt den tiefsten Absturz: Britney Spears. Als 17-Jähriger gelang der Popsängerin mit „Baby One More Time" der Durchbruch. Bis heute ist es das am meisten verkaufte Debütalbum einer amerikanischen Künstlerin. Und sie ist die erste Sängerin, die es mit vier Alben in Folge, ihren ersten vier Alben, auf Platz eins der US-Charts geschafft hat. Höher konnte sie nicht hinaus!

 

Wie ein Mensch kaputtgeht

Doch nun vergeht kein Tag ohne negative Schlagzeilen. Sie wird als „Pop-Schlampe" bezeichnet. Mit gnadenloser Häme weidet sich die Öffentlichkeit an den Problemen der 26-Jährigen. Kein Schritt in ihrem Leben, der normal scheint. Und nichts, dass nicht vermutet und vermeldet würde: Alkohol- und Drogenexzesse, private Sexvideos, Streit mit ihrem Ex-Mann um die Söhne, Zwangseinweisung in die Psychiatrie, Entmündigung, Vormundschaft durch den Vater, Entlassung ihres Managers, der ihr Drogen gegeben haben soll. Schließlich sei ein Exorzist engagiert worden, der ihr den Teufel austreiben soll. Doch dazu muss es nun nicht kommen, denn gestern meldete sich Heidi Klum zu Wort. Das Topmodel wolle Spears schon „zurechtbiegen". Ein Anruf der Sängerin genüge...

 

Je länger man das Treiben verfolgt, um so deutlicher wird, dass hier ein Mensch gerade kaputtgeht.

 

Begonnen hat die Misere bereits im Kleinkindalter, als sie Werbespots drehte. Britney wird von ihren karrieresüchtigen Eltern, dem Bauunternehmer James und der Grundschullehrerin Lynne Spears, auf die mediale Bühne gedrängt, zu Castings und Modelwettbewerben geschickt. Als Elfjährige tritt sie im „Mickey Mouse Club" auf. Dort lernt sie Justin Timberlake kennen, mit dem sie zum Traumpaar des Pops aufsteigt und Millionen verdient.

 

Doch nach und nach zerbricht Britneys Welt: Als sich die Eltern scheiden lassen, und als sich die junge Künstlerin lösen will von Fremdbestimmung durch Eltern und Plattenfirmen. Kritiker beginnen zu monieren, dass andere die Texte für sie schrieben und echte Inspiration ihr abgehe. Die Sängerin - ehrgeizig und inzwischen süchtig nach Erfolg und Rampenlicht - kommt ins Straucheln. Statt sich eine kreative Pause zu gönnen, etwa vor oder nach der Geburt ihrer Kinder, gerät sie immer öfter mit Skandalen in die Öffentlichkeit. Sie beginnt sich zu inszenieren. Bewusst oder unbewusst - dies sei dahingestellt. Fakt ist, sie bleibt nicht auf der Showbühne, wo ihr als Profi niemand etwas vormachen kann, sondern wechselt aufs „heiße Parkett". So lässt sie sich hochschwanger auf einem Bärenfell fotografieren und fährt ohne Slip durch die Gegend.

 

„Wenn ein Star seine Intimsphäre in solcher Weise preisgibt, bekommt er sie nicht wieder zurück", sagt Heinrich Wiedemann, Professor für Medienpädagogik und -psychologie an der Hochschule Mittweida. Wer auf der Klaviatur der Medien spielen wolle, müsse das Regelwerk beherrschen: „Je intensiver die Inszenierung, desto höher die Aufmerksamkeit, desto größer der Hype - und desto tiefer der Fall", beschreibt der Medienwissenschaftler den Mechanismus. Viele Stars definierten sich über ihre mediale Präsenz, frei nach dem Motto: ,Ich werde gesendet, also bin ich.‘

 

Und wenn sie einmal nicht so oft präsent sind, brechen manche zusammen. Andere melden sich zu Wort und sagen eben - ganz nonchalant - sie wollen die Britney jetzt zurechtbiegen. Auch das bringt Quote! Also kurz: Die Heidi hat die medialen Zusammenhänge kapiert, aber Britney durchschaut sie nicht. Wahrscheinlich auch Britneys Eltern nicht. Ihr Management agierte ebenfalls alles andere als integer - indem es die Eskapaden öffentlich werden ließ, statt sie zu verhindern. Am Ende klagte Britney nur naiv, sie wolle ihr altes Leben zurück. Paparazzi und Klatschkolumnisten hätten sie zum „emotionalen Wrack" gemacht. Doch: Sie wird die Paparazzi, die sie rief, als sie den Erfolg suchte und die sie nun als Geister empfinden mag, nicht mehr los.

 

Psychisch am Ende

Dass sie psychisch am Ende ist, steht außer Zweifel. Auch für Peter Bräunig, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie am Vivantes Humboldt-Klinikum Berlin und Spezialist für die Bipolare Störung. So heißt jene Krankheit, die bei Spears vermutet wird. Patienten leiden unter anderem an extremen Stimmungsschwankungen, haben zeitweise eine gestörte Impulssteuerung, zeigen starke Erregung, innere Getriebenheit, teilweise Gereiztheit bis zur Aggressivität, rastlose Aktivität, aber eben auch völlig hemmungsloses Verhalten. „Bipolare Patienten haben mehr als nur eine Krankheit", beschreibt Bräunig. Das werde bei Spears sehr deutlich. Ärzte vermuten, dass Betroffene eine genetische Veranlagung mitbringen für die Erkrankung, die dann unter ungünstigen äußeren Bedingungen ausbricht. Interessant ist die Frage, ob die Störung bei Spears auch dann aufgetreten wäre, wenn sie eine harmonische Kindheit und Jugend gehabt hätte. „Möglicherweise nicht", vermutet Bräunig, der Spears' Entwicklung seit langem verfolgt. Doch der Mediziner schaut über den Fall Britney hinaus. „Wie gnadenlos stigmatisiert die Gesellschaft psychisch Kranke, die nicht so in der Öffentlichkeit stehen? Am Fall Spears dokumentieren die Medien nur die fortbestehende Intoleranz gegenüber Menschen, deren Seele verletzt ist."

 

Wie weiter? „Britney müsste sich helfen lassen, wie ein Suchtkranker etwa. Das tut sie aber nicht", bedauert Joan Kristin Bleicher, Professorin für Medienentwicklung, Fernsehen und Internet in Hamburg. Und könnte es eine Selbstbeschränkung der Medien geben? Hier gehen die Meinungen auseinander. So sieht Bleicher keine Chance für eine Zurückhaltung von Presse, Funk und Fernsehen, nach der Devise, die arme Britney müsse jetzt in Ruhe gelassen werden. „Es gibt unzählig viele Einzelmedien, die Konkurrenzlage ist enorm hoch, und wenn ein Fotograf ein Bild nicht schießt, drückt ein anderer auf den Auslöser."


Anders schätzt Heinrich Wiedemann die Chancen ein. Die Medien dürfen einfach nicht zu „publizistischen Dreckschleudern" degenerieren, sagt er und fordert die Einhaltung ethischer Qualitätsstandards. „Natürlich liefert Spears immer neues Futter. Aber es ist die Frage, wie man mit dem Futter umgeht."

 

Eva Prase

 

Mit freundlicher Genehmigung der „Freien Presse", 18. Februar 2008,
Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG