Chat Protokoll
vom Donnerstag, 18. Dezember 2003 18.00 – 19.00 Uhr
Bipolare Störungen und Kinderwunsch
Informieren Sie sich über alle Fragen vor und während der Schwangerschaft und Stillzeit
mit Priv.-Doz. Dr. Stephanie Krüger
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Universitätsklinik Carl Gustav Carus, Dresden
CreativeChaos: Wenn jemand nicht so schwer betroffen ist, dass er sich in einer manischen
Phase deutlich ruiniert und andere beeinträchtigt, wäre da ein Absetzen
der Medikamente nicht die bessere Wahl?
Priv.-Doz. Dr. Stephanie Krüger: Auch wenn sich
jemand nicht finanziell ruiniert, ist es dennoch nicht zu empfehlen,
die Medikamente abzusetzen, da es danach zu schweren neuen Episoden
kommen kann. Außerdem schützen viele stimmungsstabilisierende
Medikamente auch vor depressiven Episoden und nicht nur vor Manien.
Ein Absetzen ist also nicht zu empfehlen!
Johanna: kann ich mit einer bipolaren störung schwanger werden?
Moderation: Liebe Teilnehmer, herlich Willkommen. Wir bitten um Ihre Fragen, trauen Sie sich!
Moderation: Lieber Axel, deine Frage ist angekommen und wird gleich beantwortet.
Priv.-Doz. Dr. Stephanie Krüger: Grundsätzlich
kann man mit einer bipolaren Erkrankung schwanger werden. Es gibt
allerdings einige Dinge zu beachten: Erstens sollte die Schwangerschaft
unbedingt geplant werden, dazu müssen häufige Schwangerschaftstest
durchgeführt werden. Des weiteren sollte vor Eintritt der
Schwangerschaft mit dem Arzt/der Ärztin darüber gesprochen werden, auf
welche Medikamente ggf. vor allen in den ersten drei kritischen
Schwangerschaftsmonaten verzichtet werden kann.
Ob man einer Frau
zurät, schwanger zu werden, hängt zum einen vom bisherigen Verlauf der
Erkrankung ab, zum anderen aber auch davon, ob genug soziale
Unterstützung vorhanden ist.
Axel: Meine Frau hat für eine geplante
Schwangerschaft Carbamazepin abgesetzt (in Rücksprache mit dem Arzt).
Ab wann (x. Monat) ist ratsam damit wieder anzufangen?
Priv.-Doz. Dr. Stephanie Krüger: Das
stimmungsstabilisierende Medikament Carbamazepin sollte frühestens in
der 2. Hälfte der Schwangerschaft, spätestens innerhalb von 48 Stunden
nach der Geburt wieder angesetzt werden. Den Zeitpunkt bestimmt der
bisherige Verlauf der Erkrankung (schwerer Verlauf mit häufigen
Episoden oder sehr wenige, eher milde Episoden). Wenn es versäumt wird,
das Carbamazepin kurz nach der Geburt wieder anzusetzen, erhöht sich
das Risiko einer Depression im Wochenbett um das 6-fache.
Jana: Schaden Medikamente meinem Kind?
Moderation: An Benutzer "Mama", Ihre Frage wurde empfangen und wird als nächstes bearbeitet.
Moderation: Liebe rose, Ihre Frage wurde empfangen und steht in der Warteliste.
Priv.-Doz. Dr. Stephanie Krüger: Grundsätzlich
kann jedes Medikament, genau so wie zu viel Koffein, Nikotin und Drogen
dem ungeborenen Kind schaden. Die kritische Zeit, in der z.B.
Organfehlbildungen beim Kind auftreten können, sind die ersten 3
Schwangerschaftsmonate inkl. die Zeit direkt nach der Empfängnis.
Die
verschiedenen, bei der bipolaren Erkrankung eingesetzten Medikamente,
haben unterschiedliche Risiken, Organfehlbildungen auszulösen. Hierzu
muss der Arzt befragt werden.
Andererseits ist aber auch zu
bedenken, dass ein unkritisches Absetzen der Medikamente gegen die
bipolare Erkrankung der Mutter und dadurch dem Kind schaden kann. Eine
manische oder depressive werdende Mutter ernährt sich nicht gesund und
nimmt keine Vorsorgeuntersuchungen wahr. Insofern muss der Arzt
entscheiden, wie man das Risiko eines Schadens durch Medikamente beim
Kind gegen das einer Verschlimmerung der bipolaren Erkrankung am
sichersten abwägt.
Mama: 1991 Schwangerschaftsunterbrechung wegen Nozinan und Lithium in Klinik ohne Schwangerschaftstest.
Wie stehts mit der Erkenntnis heute?
Moderation: Liebe Teilnehmer. Es ist noch genug Zeit für weitere Fragen. Wir freuen uns über Ihre Beiträge!
Priv.-Doz. Dr. Stephanie Krüger: Lithium ist
mit einem 0,05-%igen Risiko der Auslösung einer schweren, mit dem Leben
nicht zu vereinbarenden Missbildung des Gefäßsystems beim Kind
verknüpft. Deswegen muss man eine Schwangerschaft jedoch nicht
abbrechen! Wenn eine Frau unter Lithium schwanger wird, dann sind
engmaschige kardiovaskuläre Ultraschalluntersuchungen des Kindes v.a.
in den ersten 3 Schwangerschaftsmonaten erforderlich, um diese schwere
Fehlbildung zu erkennen. In diesem Fall muss die Schwangerschaft
abgebrochen werden.
Bei allen anderen Medikamenten gilt, dass auch
hier die ersten 3 Schwangerschaftsmonate eine Zeit erhöhten
Missbildungsrisikos sind, so dass empfohlen wird, wenn es der Verlauf
der Erkrankung erlaubt, Medikamente während dieser kritischen Zeit
nicht einzunehmen.
rose: Ich bin selbst Betroffene, mal
angenommen ich würde Carbamazepin absetzten, Schwanger werden und würde
in dieser Zeit erkranken. Was für Möglichkeiten gäbe es für diese Zeit?
Moderation: An "rose" und "mama", eure beiden anderen Fragen sind in der Warteliste und werden danach beantwortet.
Priv.-Doz. Dr. Stephanie Krüger:
Das ist eine schwierige Frage. Die Schwangerschaft schützt meistens vor
manischen Episoden, nicht aber vor Depressionen. Eine Frau mit einer
bipolaren Störung, die während der Schwangerschaft keine Medikamente
einnimmt, hat ein bis zu 30-%iges Risiko während dieser Zeit depressiv
zu werden. Sind dann schon 3 Schwangerschaftsmonate vergangen, ist es
relativ sicher, eine antidepressive Behandlung mit modernen Substanzen,
z.B. Serotoninwiederaufnahmehemmern durchzuführen.
Problematisch ist es natürlich, mit einer Depression eine Schwangerschaft durchzustehen!
Eine
sichere, wenn auch für viele Frauen psychologisch abschreckende
Behandlung während der Schwangerschaft ist die Elektrokrampftherapie.
Es gibt in der Weltliteratur nur einen Fall einer Komplikation während
einer Schwangerschaft.
Mama: Haldol während der ganzen Schwangerschaftszeit in Universitätsklinik. Kind gesund aber der Mutter weggenommen?
Priv.-Doz. Dr. Stephanie Krüger:
Es gibt immer wieder schwere individuelle Schicksale, die man aus der
"Ferne" nur schwer nachvollziehen und beurteilen kann. Grundsätzlich
muss man einer Mutter, die eine bipolare Erkrankung hat, das Kind nicht
wegnehmen. Dazu gibt es überhaupt keinen Grund. Ich kenne leider Ihre
individuellen Umstände, die dazu geführt haben, dass Ihnen das Kind
weggenommen wurde, nicht.
Grundsätzlich kann eine Frau mit einer
bipolaren Erkrankung ihr Kind genau so zur Welt bringen, und liebevoll
betreuen, wie jede andere Frau auch. Schwere manische oder depressive
Episoden und unzureichende Unterstützung durch Partner und Angehörige
machen das natürlich oftmals schwierig.
rose: Gibt es Lektüre über Erfahrungsberichte in dieser Richtung, wo Frauen ihre Erfahrungen niedergeschrieben haben ?
Priv.-Doz. Dr. Stephanie Krüger: Leider gibt es
keine persönlichen Erfahrungsberichte von Frauen, die mit einer
bipolaren Störung schwanger geworden sind. Dieses Thema hat viel zu
lange ein Schattendasein geführt, und die Probleme und Sorgen von
Frauen, die schwanger werden wollten und an einer bipolaren Störung
litten, sind lange nicht ernst genommen worden. Deswegen fehlt es
sowohl an fachlicher Literatur als auch an individuellen
Erfahrungsberichten.
rose: Wäre eine Lichttherapie in dieser Zeit der Schwangerschaft, da es ja die Serotinausschüttung fördern soll hilfreich ?
Moderation: Liebe Teilnehmer. Es könnten noch
1-2 Fragen beantwortet werden. Falls Ihnen noch etwas auf dem Herzen
liegt, bitte an uns senden.
Priv.-Doz. Dr. Stephanie Krüger: Eine
Lichttherapie schadet sicher nicht, aber es liegen auch keine Studien
vor, dass sie besonders hilfreich oder gar prophylaktisch wäre.
Grundsätzlich gilt in der Schwangerschaft, dass die Frau ein geregeltes
Leben (ausreichend Schlaf, keine Überlastung, gesunde Ernährung) leben
sollte und auch Genussgifte vermieden werden sollten. Das kann
vorbeugend gegen neue Episoden wirken.
Nadine: Wird die bipolare Erkrankung schlimmer oder besser, wenn ich schwanger bin?
Priv.-Doz. Dr. Stephanie Krüger: Die
Schwangerschaft schützt häufig vor Manien, allerdings hat eine Frau mit
einer bipolaren Erkrankung ein erhöhtes Risiko während der
Schwangerschaft depressiv zu werden. Dieses Risiko ist besonders hoch,
wenn die stimmungsstabilisierenden Medikamente (Lithium, Carbamazepin,
Valproat) abrupt abgesetzt werden. Nach der Schwangerschaft steigt das
Risiko einer Wochenbettdepression bzw.. Psychose um ein vielfaches,
wenn diese Medikamente nicht innerhalb von 48 Stunden nach der Geburt
wieder angesetzt werden.
rose: Können Sie aus Erfahrung sagen ob es in der Regel eher gut oder nicht gut geht ? Wie hoch ist das Risiko ?
Moderation: An Rose: Ulli (http://www.hypomanie.de/) hat mich auf eine Diskussion zu dem Thema im Forum hingewiesen. Sie kann gelesen werden unter:
http://www.manic-depressive.de/read.php?f=5&i=21060&t=21060
Moderation: Nochmals an Rose: Außerdem habe ich von Ullis Seite den folgenden Link:
http://ahtuar.dyndns.org/tiki/tiki-index.php?page=Ein+Kind+trotz+Lithium
rose: Leider gibt es wirklich sehr wenig Infos darüber.
Vielen Dank für Ihre Bemühung und ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend.
Moderation: Liebe Teilnehmer! Wir
danken für Ihre Teilnahme und hoffen, dass der Chat für Sie nützlich
war. Das Protokoll mit allen Fragen und Antworten wird im Laufe des
20.12 auf der Seite http://www.manic-depressive.de/chat/ veröffentlicht.
Priv.-Doz. Dr. Stephanie Krüger:
Diese Frage kann man nicht so pauschal beantworten. Dazu spielen doch
viel zu viele individuelle Faktoren eine Rolle. Aus Erfahrung weiß ich
aber, dass, wenn eine Schwangerschaft geplant wird, ein enger Kontakt
zum Arzt besteht und keine kopflosen Aktionen vonseiten der Frau (z.B.
abruptes Medikamentenabsetzen bei Bekannt werden der Schwangerschaft)
erfolgen, durchaus die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass die
Schwangerschaft gut verläuft.
Kritisch sind wie gesagt, die ersten
drei Schwangerschaftsmonate, da hier das Risiko einer Fehlbildung beim
Kind am größten ist. Wenn Ihre Erkrankung bisher mit ca. 1 Episode pro
Jahr oder weniger verlaufen ist, und Sie eher weniger schwere Manien
(Hypomanien) hatten, dann kann man es vertreten, dass Psychopharmaka
wenigstens für diese Zeit abgesetzt werden.
Bei einem schwereren
Krankheitsverlauf können Sie zwar auch schwanger werden, hier wäre aber
nicht zu empfehlen, dass die MEdikamente abgesetzt werden. In diesem
Fall müssen engmaschige Kontrollen des Kindes, z.B. mit Ultraschall
erfolgen.
Ein Patentrezept kann man aber leider nicht ausstellen.
Moderation: Noch ein Hinweis: Ich schalte
den Chat jetzt gleich ab, d.h. wenn sie die Texte noch in Ruhe lesen
wollen, senden Sie bitte keine Fragen mehr, ansonsten wird die Seite
geschlossen.
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